Manchmal fühlt sich Panabo an wie der tiefste Osten in den Achtzigern, nur mit mehr Palmen und weniger Heizung, aber demselben ungeschriebenen Gesetz: Wenn du willst, dass es läuft, dann bau es dir selbst. Der Freitag beginnt nicht mit Vogelgezwitscher, sondern mit dem harten Aufschlag der Realität.
Freitag, der 13. Februar, so ein Tag, der schon beim Aufstehen klingt wie eine lose Schraube im Radkasten: man hört ihn, man ignoriert ihn kurz, und dann merkt man, dass man damit heute nicht durchkommt. Ein Schritt, ein falscher Winkel, und zack – der Knöchel klappt weg wie ein schlechtes Versprechen. Kein heldenhafter Sturz, keine epische Zeitlupe, nur dieses trockene knack im Kopf und dann dieses unmittelbare Wissen: Jetzt wird’s eklig. Er pumpt sofort auf, als hätte jemand von innen einen Kompressor angeschlossen, und jeder Schritt ist eine kleine Verhandlung mit dem Schmerz, bei der der Schmerz grundsätzlich gewinnt. Und trotzdem mache ich weiter, weil genau da sitzt mein Problem – oder meine Superkraft, je nach Tagesform: Wenn etwas kaputt ist, wird’s gemacht. Punkt.
Also humpel ich nicht nur, ich arbeite. Hinten am Avanza die Stoßdämpfer raus, rein, fest, und ich rede mir ein, dass ich damit auch mein Leben stabilisiere. Als würde jedes angezogene Gewinde ein bisschen Ordnung in dieses Chaos bringen. Hinten erledigt, vorne links fehlt noch, aber “fehlt noch” ist heute kein Satz, das ist ein Lebensmotto. Dann das Rostloch im Schweller – ein Loch, das dich ansieht wie ein fauler Zahn: “Wenn du mich ignorierst, kriegst du Ärger.” Also stopfe ich, schleife, flicke, als wäre Spachtelmasse ein Medikament gegen Pechsträhnen. Hinten das Seitenteil ausgebessert, nochmal geschliffen, nochmal drüber, und während ich da stehe, mit dreckigen Händen und einem Fuß, der aussieht wie ein aufgeblasenes Kissen, kommt dieses Gefühl hoch, ganz still und gleichzeitig brutal deutlich: Das ist wie im Osten. Nicht wegen der politischen Standpauken, nicht wegen der ewigen Diskussionen, sondern wegen dieser schlichten, knallharten Realität von “Es gibt keinen Plan B, also mach’s.” Einfach nur leben, ohne romantische Verpackung, ohne Ausreden. Nur du, das Werkzeug, der Dreck und die nächste Baustelle.
Aber ein Geselle jammert nicht, er flucht kurz und greift zum Schweißgerät. Während der Fuß langsam die Farbe einer überreifen Aubergine annimmt, fress ich mich mit dem Brenner durch den Schweller vom Avanza. Rostloch im Schweller? Geflickt. Seitenteil hinten? Ausgebessert. Das Blech glüht, der Schweiß läuft, und irgendwie fühlt es sich nach Heimat an – diese ehrliche Arbeit am Eisen, ohne politische Standpauken, ohne bürokratischen Irrsinn, einfach nur man selbst, das Metall und die Gewissheit, dass diese Kiste morgen wieder rollt.
Und als ob das Universum mir noch einen Nachsatz ins Ohr brüllen will, meldet sich die NMAX von Mausi. Die Hinterbremse kreischt – nicht so ein bisschen, sondern mit diesem mechanischen
Klagelied, das klingt, als würde Metall um Hilfe schreien. Eisen auf Eisen, ein Geräusch, das dir sofort sagt: Das ist nicht “später”, das ist “jetzt”. Noch eine Reparatur, noch eine Sache, die
dringend ist, noch ein Punkt auf einer Liste, die ich gar nicht geschrieben habe, die aber trotzdem mein Tag ist.
Die NMAX von Mausi kreischt ihr mechanisches Klagelied, während die Stoßdämpfer am Avanza nur noch als Dekoration durchgehen. Schnell aufbocken, vier Schrauben, fertig – und trotzdem fühlt es
sich an, als würde der Tag mir beim Schrauben zusehen und leise nachlegen. Es ist dieser tägliche Wahnsinn, der dich gleichzeitig fertig macht und am Leben hält.
Der Knöchel pocht, das Auto ist halb gerettet, die Rollerbremse singt den Untergang, und ich denke: irgendwie bin ich wieder zu Hause, bei Mutti, im Osten. Nicht geografisch, sondern mental. Da, wo man sich die Ärmel hochkrempelt und das Leben einen am Kragen packt, aber man sich nicht hinsetzt und weint, sondern kurz flucht, tief durchatmet und weitermacht.
Samstag, der 14. Februar. Valentinstag. Natürlich keine Blumen gekauft. Natürlich. Als hätte ich nach dem Donnerstagskrieg gegen Blech, Rost und Knochen noch die geistige Kapazität für Romantik. Der Plan war vermutlich: Lieb sein durch Anwesenheit. Durch Funktionieren. Durch nicht komplett auseinanderfallen.
Aber Valentinstag ist gnadenlos, der fragt nicht nach deinen Stoßdämpfern, der fragt nach Blumen. Valentinstag auf den Philippinen ist kein Spaß, das ist Hochleistungssport. Du denkst und du weißt: Wenn du heute keine Blumen hast, ist das "Silent Treatment" bis Ostern vorprogrammiert.
Und dann kommt diese kleine Rettung aus der Realität, wie sie nur Märkte liefern können: Mausi geht Fisch kaufen, der Bruder kommt vorbei, Leben passiert, und ich sehe den Blumenstand wie eine Notausgangstür in einem brennenden Gebäude. Ich humple hin, nicht elegant, eher wie ein Pirat, der seine Würde nicht ganz verloren hat, und ich kaufe nicht irgendeinen Strauß, ich kaufe eine Entschuldigung, die du anfassen kannst. Einen Blumenstrauch, bodenständig, robust, so ein Ding, das nicht nach Hollywood aussieht, aber nach “Ich hab’s nicht vergessen, ich hab’s nur fast verkackt.
Mausi kommt vom Einkaufen zurück, und da liegt das Ding auf dem Beifahrersitz, als hätte der Tag plötzlich entschieden, doch noch nett zu sein. Der Blumenstrauch liegt da wie ein kleiner Friedensvertrag zwischen Chaos und Zuneigung, ein stiller Triumph über die Schwerkraft und die Anatomie. Und in diesem Moment, zwischen Fischgeruch, Werkstattdreck und meinem pulsierenden Knöchel, passiert etwas Lächerliches und Großes zugleich: Der Tag ist gerettet. Nicht, weil alles gut ist – Die NMAX bremst wieder sauber – kein Kreischen mehr, kein Eisen auf Eisen, aber mein Knöchel hat weiterhin die Ausmaße einer reifen Mango – sondern weil irgendwo in diesem ganzen Krawall ein kleiner, menschlicher Akt stattgefunden hat, der sagt: Ich bin noch da. Ich bemühe mich. Ich kann kaputt sein und trotzdem lieben. Ich kann fluchen und trotzdem Blumen kaufen.
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